Susanne Strang: Schritt für Schritt in ein nachhaltiges Leben

Menschen | Autorin: Michaela Butz

Die Messlatte liegt hoch, finde ich. Rund zwei Monate lang kommen die Strangs – immerhin zwei Personen und zwei Hunde – mit nur einem Gelben Sack aus. Wie die beiden Verpackungsmüll in diesem Ausmaß vermeiden, beschreibt Susanne Strang in einem Buch. Außerdem hält sie Vorträge und Workshops zum Thema.

Lesedauer: rund 8 Minuten

Buchautorin aus Kressberg (Hohenlohe) im Interview

Ich werde durch das Crailsheimer vhs-Programm auf Susanne Strang (51)  und ihre Kurse zum Thema Nachhaltigkeit aufmerksam. Auch ich versuche, möglichst wenig Plastikmüll zu produzieren. So teste ich unter anderem Haarseifen, benutze Kosmetika ohne Mikroplastik oder kaufe Öko-Waschmittel in recycelten Behältnissen. Wenn ich ehrlich bin, ist das Ergebnis meiner Bemühungen aber eher bescheiden. Für mich ist klar, dass wir gesetzliche Regelungen und ökologisch orientierte Rahmenbedingungen für weniger Verpackung und mehr Recycling brauchen.
Damit der Gesetzgeber tätig wird, braucht es ein breites Bewusstsein in der Bevölkerung, setzt Susanne Strang dagegen. Auch geht es der 51-Jährigen, die eine Fußpflege-Praxis in ihrem Zuhause in Wüstenau betreibt, nicht nur um ein plastikfreies, sondern vor allem um ein bewusstes und gesundes Leben. Denn schon als Kind muss sie die Erfahrung machen, dass sie künstliche Inhaltsstoffe in Nahrung und Kosmetik, wie zum Beispiel Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe, nicht verträgt.
Schritt für Schritt stellt sie ihr Leben um, sucht nach Alternativen und produziert immer mehr selbst. Ihre Tipps fasst sie in einem Buch zusammen und gibt sie in Kursen weiter.
Als ich sie per Mail kontaktiere, ist Susanne Strang sofort bereit, meine Fragen zu beantworten.

Frau Strang, Sie rufen zu einer plastikfreien und nachhaltigen Lebensweise auf. Können Sie eine solche Lebensweise skizzieren?

Susanne Strang: Mein Ziel ist ein bewusstes Leben und weniger Konsum. Dies beginnt mit dem Hinterfragen von Dingen. Wir müssen lernen, uns nicht durch Werbungen oder unser Umfeld manipulieren zu lassen. Persönlich meiden wir zum Beispiel weitestgehend Fertigprodukte, da diese unnötigen Plastikmüll mit sich bringen und Inhaltsstoffe wie Palmöl enthalten. Palmöl ist zwar an sich etwas sehr Wertvolles, sein Anbau hat aus ökologischer Sicht aber schwerwiegende Folgen. Als ein Stichwort nenne ich hier die Urwald-Rodung. Fertigprodukte enthalten zudem Geschmacksverstärker sowie Konservierungs- und Farbstoffe, die unserer Gesundheit bestimmt nicht zuträglich sind.
Bei der Bekleidung greife ich die Baumwolle heraus. Kleidung aus Baumwolle ist zwar besser als „Plastik-Kleidung“, denn bei jedem Waschgang eines Kleidungsstückes, das Kunststoff enthält, gelangen unzählige Mikroplastik-Partikel ins Abwasser und damit ins Meer. Der Anbau von Baumwolle ist jedoch problematisch, da neben dem Einsatz von Pestiziden auch viel Wasser benötigt wird. Eigentlich gibt es schon lange sehr gute Alternativen zur Baumwolle, Das sind zum Beispiel Hanf oder Brennnessel. Diese Pflanzen wachsen bei uns, benötigen in der Regel keine künstliche Bewässerung und auch keine Pestizide. Bis diese Alternativen zur Verfügung stehen, hilft nur ein eingeschränkter Konsum.

Wie hat sich Ihr Alltag durch Ihre nachhaltige und nahezu plastikfreie Lebensweise verändert? Auf was müssen Sie verzichten?

Susanne Strang: Bis wir unseren Alltag nachhaltiger gestaltet hatten, ist einige Zeit vergangen. So etwas geht nicht von jetzt auf gleich. Ich empfehle, in einem Bereich zu beginnen und sich dann systematisch von Bad zu Küche und so weiter durchzuarbeiten. Ich stelle nahezu alle Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmittel selbst her. Dadurch spare ich nicht nur Verpackungen ein, sondern auch Geld. Die Herstellung kostet natürlich Zeit, aber sie verteilt sich über Wochen und Monate, weil ich ja nicht alles gleichzeitig produzieren muss. Und so schränkt mich der höhere Zeitaufwand kaum ein. Etwas aufwändiger wurde dagegen das Einkaufen. Wir kaufen zum Beispiel auch bei benachbarten Bauern ein. Aber man findet auch im normalen Handel oft Alternativen, was die Verpackung anbelangt. Man muss nur suchen. Für Wurst-, Fisch- und Käseeinkäufe nehmen wir immer unsere Behälter aus Glas mit, Für Obst und Gemüse nehmen wir Beutel mit. Das ist kein großer Aufwand, man muss sich nur umstellen. Und das Umstellen hat viele Vorteile. Wir haben zum Beispiel entdeckt, wie gut unbehandelte, pure Lebensmittel schmecken können. Wir gehen aus diesem Grund nur noch sehr selten Essen, und wenn, dann nur in Restaurants oder Gaststätten, die auf sämtliche Zusatzstoffe verzichten.

Im Gegensatz zu Ihnen habe ich keinen gesundheitlichen Druck, um meinen Plastik-Konsum zu reduzieren. Wie motiviere ich mich trotzdem zu einem bewussteren Einkaufsverhalten?

Susanne Strang: Meine erste Empfehlung wäre, dass Sie sich die Dokumentation „Das Jenke-Experiment“ zum Thema Plastik anschauen. Selbst wenn ich den Umweltaspekt ausblende, sind die Auswirkungen des Plastik-Konsums auf unsere eigene Gesundheit extrem bedenklich. Im Durchschnitt isst jeder von uns fünf Gramm Plastik pro Woche. Das entspricht dem Gewicht einer Scheckkarte. Jenke veranschaulicht dies in seiner Reportage sehr gut. Jedem sollte klar sein, das Plastik in unserem Körper nicht gesund sein kann. Die Folgen sind noch lange nicht gänzlich erforscht. Festzuhalten ist: Wir alle haben gesundheitlichen Druck. Und für unsere Kinder ist alles noch viel belastender als für uns Erwachsene.

Brauchen wir letztendlich nicht einfach gesetzliche Regelungen ähnlich wie bei der Gurtpflicht oder des Rauchverbots in öffentlichen Räumen?

Susanne Strang: Wir brauchen dringend gesetzliche Regelungen, denn die Industrie wird von sich aus vermutlich nur wenig verändern. In Sachen BPA (Bisphenol A) gibt es zum Beispiel Länder, in denen dieser Stoff schon lange verboten ist und problemlos ersetzt wurde. In Japan geschah dies bereits 1998, Frankreich verzichtet seit 2015 auf jegliches BPA. Dort wurde die Schädlichkeit von BPA schon lange anerkannt und es wurden Konsequenzen gezogen. Man kann also nicht sagen, es gibt keine Alternativen. Auch dass schwarzes oder sehr dunkles Plastik nicht recycelt werden kann, ist schon lange bekannt. Warum wird es nicht einfach verboten? Das tut keinem weh.

Nachhaltigkeit ist gar nicht so einfach. Das zeigt nicht nur die Baumwolle. Im Winter kann ein Apfel aus Neuseeland wohl trotz des Transports eine bessere Ökobilanz aufweisen als ein deutscher Apfel aus dem Kühlhaus. Wie behalten Sie hier Überblick?

Susanne Strang: Das ist in der Tat nicht einfach und ich glaube, es ist auch fast unmöglich, wirklich in allen Bereichen immer die nachhaltigere Lösung zu finden. Man sollte daher realistisch bleiben. Ich würde, auf Ihr Beispiel mit dem Apfel zurückkommend, definitiv den deutschen Apfel bevorzugen, da man die regionalen Produkte auf jeden Fall unterstützen sollte. Die Problematik ist, dass man auch die vermeintlichen Alternativen nüchtern hinterfragen muss. Nehmen wir hier das E-Auto. Die Herstellung der Batterien hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun. Auch die Tatsache, dass die Schäden am anderen Ende der Welt verursacht werden, zum Beispiel durch Grundwasserabnahme, Lithiumabbau, schlechte Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit und so weiter, werden nicht bedacht. Um größtmöglichen Überblick zu behalten, sehe ich mir mit großem Wissensdurst leidenschaftlich gerne Dokumentationen an. Und gerade im Bereich Nachhaltigkeit gibt es hier wirklich viel. Auch gibt es tolle Podcasts, die umfassend informieren.

Sie empfehlen unter anderem, Hersteller anzuschreiben und eine Umweltverträglichkeit der Produkte einzufordern. Haben Sie hier gute Erfahrungen gemacht?

Susanne Strang: Im Regelfall erhält man leider keinerlei Antworten von Seiten der Firmen, wenn man sie anschreibt, aber ich mache dies trotzdem. Die Umweltverträglichkeit eines Produkts herauszubekommen, erfordert leider oft viel Zeit und Recherche-Arbeit, aber Apps, wie Codecheck, helfen hier ungemein und bringen schnelle Ergebnisse.

In Crailsheim sucht man Sie aktuell vergebens im vhs-Programm. Sie sind vor allem in Ellwangen als Referentin gefragt. Dort hat sich auch im Herbst 2019 eine entsprechende Initiative gebildet…

Susanne Strang: Ich bin mittlerweile in ganz Hohenlohe mit meinem Vorträgen unterwegs, sehr häufig gebucht von Landfrauen-Gruppen. Die Auftakt-Veranstaltung der Initiative „Ellwangen unverpackt“ war letztes Jahr insofern etwas Besonderes, da sie eine größere Zuhörer-Menge angezogen hat. „Ellwangen unverpackt“ hat unterschiedliche Ziele. So soll unter anderem ein Unverpacktladen gegründet werden. Man kann sich am besten über die Facebook-Seite der Gruppe informieren.

Dann kommen wir doch gleich mal zu Ihren Filmtipps…

Susanne Strang: Es gibt viele wirklich tolle Dokumentarfilme zu diesem Thema, aber die folgenden Tipps sehe ich mal als idealen Einstieg an. „Plastic Planet“ von Werner Bote vermittelt einen sehr guten, ersten Einblick in die Materie. „Weggeworfen – Trashed“ mit Jeremy Irons beleuchtet die Folgen der Plastik-Verwertung. „Das Jenke-Experiment – das Plastik in mir“ hat mich persönlich total begeistert, da Jenke nicht nur die allgemeine Plastikmüll-Problematik in der Umwelt beleuchtet, sondern vor allem gezielt darauf hinweist, was Plastik in uns anrichtet.

Und Ihre Buchtipps?

Susanne Strang: Mein eigenes :o). Die meisten Bücher gehen mir persönlich nicht tief genug ins Detail, deshalb habe ich ja meins geschrieben.

Welche Apps können Sie empfehlen?

Susanne Strang: Am häufigsten verwende ich Codecheck. „Codecheck“ ist die wohl bekannteste App, die Inhaltsstoffe sowohl von Lebensmitteln als auch Kosmetika aufzeigt. ToxFox und Barcoo funktionieren ähnlich, erstere hilft vor allem Allergikern sehr und zeigt auch Hormone in Stoffen an. Die NABU-Siegel-Check-App ist hilfreich für eine bessere Orientierung im Dschungel der Zertifikate und Label. Fair Fashion Finder hilft dem Konsumenten auf der Suche nach nachhaltiger, fairer Kleidung. Sie beruht auf Umfrageergebnissen.

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Weitere Infos und Kontakt

Das Buch „Nachhaltig und plastikfrei. Mache Dein Leben gesünder, bewusster und günstiger“ ist im Bod-Verlag erschienen und im Buchhandel sowie online unter anderem hier erhältlich (Paperback und e-book): Buchhandlung Rupprecht

Mehr Infos über Susanne Strang (und viele Tipps) gibt es auf ihre Facebook-Seite „nachhaltig & plastikfrei“

Ihre nächsten Workshops an der vhs Ellwangen: 14. März, 25. April und 9. Mai 2020

Kontakt: nachhaltig-und-plastikfrei@gmx.de

Weitere Links

Recycling-Mythen im Check: fluter.de/recycling-muellmythen-im-check

Wir alle essen Plastik: fluter.de/wir-alle-essen-plastik

Brauchen wir ein Plastikverbot?: fluter.de/plastikverbot-eu-pro-contra

Politische Maßnahmen, die bereits gescheitert sind: fluter.de/strategien-wie-politik-muell-bekaempft

Tipps für eine nachhaltige Lebensweise: www.utopia.de oder smarticular.net

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