Roland Schulz: Ein Hohenloher in der Uckermark

Menschen | Autoren: Michaela Butz & Roland Schulz

Aus einer westdeutschen Provinz zog es Roland Schulz, Journalist, Forstwirt und Naturliebhaber, in eine ostdeutsche. Zusammen mit seiner Frau Marina lebt er seit 1993 in der menschenleeren Uckermark. Für alle, die diesen Teil des Ostens kennenlernen wollen, bieten die beiden eine Ferienwohnung als erste Anlaufstelle. Und beide haben viel über die dortige Natur zu erzählen.

Lesedauer: rund 8 Minuten

Wie dieser Beitrag entstand

Ich kenne Roland Schulz, einige Abi-Jahrgänge über mir, von der Schule. So wie die Jüngeren die Älteren an einer Schule eben kennen. Wiedergetroffen haben wir uns, als wir beide eine Weile als Freie für das Hohenloher Tagblatt geschrieben haben. Seither ist der Kontakt sehr lose, bricht aber glücklicherweise nicht ab. Im August werde ich einige Tage in der Ferienwohnung von Roland und Marina verbringen, denn die Uckermark interessiert mich persönlich sehr. Als ich Roland vorab um einen Blog-Beitrag bitte, ist er sofort dabei…

Roland Schulz über Hohenlohe, die Uckermark und die Definition von Heimat

In Hohenlohe liegen einige meiner Wurzeln. Wenn ich an die Muschelkalktäler denke, Jagst, Brettach, Gronach, Bühler, Grimbach und all die Klingen, wird mir warm um´s Herz. Es ist jedes Mal Glück, hier neu auf alten Wegen zu gehen. Seit 1993 lebe ich mit fünfjähriger Unterbrechung sehr (!) ländlich in Brandenburg. Hier liegen die Wurzeln meiner Eltern. Sie sind 1954 „abgehauen“, wie das so hieß. Aus der Mark Brandenburg.

Lieblingsort? Der Grumsin.

Mein Lieblingsort ist ein mächtiger Buchenwald, der „Grumsin“. Es war längst der Wald meines Lebens, bevor er am 25. Juni 2011 Weltnaturerbe wurde.
Wurzeln, nicht so tiefe, habe ich auch in Freiburg. Hier habe ich Diplom-Forstwirt studiert und ein paar Jahre an der Uni gearbeitet.
So ist es kein Wunder, dass ich nach all den Jahren und meiner Liebe zum Wald inzwischen Führungen durch die wilden Wälder der Uckermark anbiete. Es bereitet mir Freude, Menschen mit meiner Begeisterung für den Wald „anzustecken“.

Bücher über die Uckermark geschrieben

Am allerliebsten bin ich allein im Wald. Mit dem Eintritt fällt hinter mir ein Vorhang und meine Gedanken sind frei. Begegnungen sind an der Tagesordnung. Mit mir, Damhirschen, Rehen, einem Keiler, den ich fünf Meter vor mir anspreche und ihn so zu einer Richtungsänderung bewege. Rothirsche sehe ich selten. Ich kenne kein anderes Tier mit so wachen Sinnen.
Nachdem ich im reifen Alter von 40 Jahren noch ein Jahr die Journalistenschulbank gedrückt habe, mit spannenden ersten Schreiberlebnissen, verwundert es nicht, dass ich inzwischen drei Bücher zu meinem Lieblingswald herausgegeben habe. Mein viertes und bislang letztes Buch von 2019 enthält ein ganzes Uckermarkjahr. Hier habe ich meine Waldgänge, Begegnungen und Gedanken fest gehalten. Ich mag es gerne.

Gern allein im Wald

Wenn ich nicht alleine in den Wald gehe, dann am liebsten mit meiner Frau. Wir reden im Wald nicht viel und auch bei einem Picknick finden sich Begegnungen. Im letzten Jahr konnten wir im Abenddämmer ein Rudel Damhirsche beobachten. Als die jüngeren anfingen, sich im Kreis zu jagen, übermütig auf allen vieren wie Kängurus zu hüpfen, sogar die alten ansteckten, hätten wir am liebsten mitgemacht. Tiere können sich freuen! Es sind diese und ähnliche Erlebnisse, die mich bewusst hier leben lassen. Meinen ersten Kranich habe ich im März 1994 beobachtet…

Macht Urlaub hier!

Von 30 Jahren wieder zusammengefügtes Deutschland, der Wende ziehe ich das Wort Revolution vor, haben wir vieles hier in unserem „Nahen Osten“ erlebt. Ich kann jeden nur ermutigen, wenigstens einen Urlaub in diesen östlichen Bundesländern zu verbringen. Reisen bildet und schenkt Wege zu Verständnis. Unglaublich, in welchem Systemwechsel die Menschen sich hier zurechtgefunden haben. Unglaublich und Respekt. Aber das sind Worte, erleben.

Aber was ist Heimat?

Ach ja, wenn ich am Ende meiner Führungen häufig feststellend gefragt werde, „Sie kommen aber nicht von hier“, antworte ich „Nein“. Ist die, meist sind es Frauen, Fragerin nicht zufrieden, frage ich, ob sie es genau wissen möchte. Bei einem „Ja“ beginne ich mit den schweren Silvester- und Weihnachtssturmfluten an der Nordsee um 1720. Die haben meinen ostfriesischen Vorfahren väterlicherseits vor 300 Jahren das Land und mehr weggespült. Sie haben sich gesetzwidrig auf nach Brandenburg gemacht. Wo hätten sie auch hingehen sollen? Wie ich knapp 300 Jahre später. Und dann bin ich erst am Anfang meiner Antwort. Das ist auch der Grund, dass ich mich schwer tue mit dem Begriff Heimat. Auch, weil die meisten meiner Verwandten am Beginn ihres Lebens dem Krieg geopfert wurden. So kenne ich kein Leben in Generationen an einem Ort, in Jahrhunderte eingebettet. Kann es mir nicht vorstellen, geschweige denn fühlen.
Meine Heimat liegt wohl in mir selbst, meinen Erfahrungen und den Wäldern der Welt. Meine Frau, eine Kräuterfrau von Berufung, meinte einmal: „Egal, wo ich hinkomme, überall treffe ich Bekannte.“ Sie meinte damit Pflanzen.
Emotionen bleiben, nahe der Heimat. Wenn wir durch die Muschelkalktäler Hohenlohes gehen, spüren wir immer auch Geborgenheit, warme Erinnerung und die flüchtige Zeit.

Fragen an Roland Schulz

Uckermark gehört zu den am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands

Michaela Butz: Lieber Roland, Du bist in Hohenlohe zur Schule gegangen und warst auch in Hohenlohe viel in der Natur unterwegs. Was sind die Gemeinsamkeiten von Hohenlohe und der Uckermark? Worin unterscheiden sich die beiden Regionen?

Roland Schulz: Es gibt in der Uckermark noch mehr Natur. Kraniche, Seeadler, Schwarzstörche… Die Eiszeiten, die letzte bis vor 14.000 Jahren, haben das Land überfahren und völlig neu gestaltet. Hohenlohe hat das nicht erlebt. Das geschmolzene Wasser hat hier große klare Seen und viele Moore geschaffen. Die Landwirtschaft wird ähnlich intensiv betrieben, aber die Uckermark gehört zu den am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands, etwas mehr als 30 Menschen auf dem Quadratkilometer. Wer Naturwunder sucht, findet sie in den Tälern Hohenlohes wie in den alten Wäldern der Uckermark.

Michaela Butz: Leidet Dein „Grumsin“ auch unter der aktuellen Trockenheit durch die fehlenden Niederschläge und heißen Sommer?

Roland Schulz: Ja, das macht uns sehr große Sorgen. Da ist ein Impuls, die Augen zu verschließen und nicht mehr in den Wald zu gehen. 2018 hatten wir 90 Tage mit Temperaturen über 25 Grad. Der Grumsin hat im letzten Jahr Bucheckern ausgebildet wie in den letzten 25 Jahren nicht. Das kostet die Buchen viel Kraft und Vorräte, die sie nicht haben. Setzen sie bereits alles auf den Nachwuchs? April und Mai werden ein erstes Zeichen geben, wenn die Bäume austreiben. Egal wie, das Leben wird weitergehen. Und es werden sich andere Wälder bilden. Natürliche und menschliche Dynamik hat stets die Wälder, deren Zusammensetzung bestimmt. Erstmal wird wohl ein großes Sterben kommen und auch das müssen wir aushalten. Das ist in Hohenlohe ähnlich. Mut machen etwa „Fridays for future“.

Michaela Butz: Was erwartet mich auf einer Waldführung mit Dir?

Roland Schulz: Ich versuche einfach, meine Gäste in für sie neue wunderbare Welten mitzunehmen. Sie dürfen genießen, staunen und faszinierend für mich, die Bäume als Lebewesen und soziale Gemeinschaft erfahren. Buchen können sehen, hören, schmecken, kommunizieren, verhandeln und vieles mehr. Das belege ich mit unbestrittenen wissenschaftlichen Daten. Bei meinem Forststudium waren Bäume eben wachsendes Holz, nicht viel mehr. Längst untersuchen Wissenschaftler viel mehr.

Michaela Butz: Ihr bietet eine Ferienwohnung in Eurem Haus an. Warum sollte ich dort Urlaub machen?

Roland Schulz: Seit letztem Jahr vermieten wir unsere Ferienwohnung. Von unserer Siedlung mit ihren 12 Häusern aus ist die Oder und Polen zu sehen. Hier ist es extrem ruhig. Wir halten das gut aus. Wir leben im Nationalpark Unteres Odertal, das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin ist 15 Kilometer entfernt. Wer Naturerlebnisse sucht, findet sie das ganze Jahr über. Die Dörfer sind oft noch ursprünglich, Feldsteine leuchten aus Pflasterstraßen, Wirtschaftsgebäuden und den geduckten Kirchen. Es gibt jede Menge Kulturangebote, viele Künstler und natürlich den Choriner Musiksommer im Zisterzienserkloster. Wer Bioprodukte sucht, findet viele ideenreiche Anbieter. Kanutouren durch das nahe Zwischenstromland, ein gewaltiges Schilfmoor, sind ein Erlebnis. Hier könnte ich ewig schreiben. Wichtig ist, sich auf das Land und die Menschen einzulassen.

Links

Führungen mit Roland Schulz: Buchen kann man die Waldführungen direkt über Roland unter Telefon 033338 85411, www.nature-press.de, oder über die Tourismusinfo Angermünde unter Telefon 03331 297660, www.angermuende-tourismus.de

Mehr zur Ferienwohnung in Alt Galow: www.kranichruf-alt-galow.de

Der Link zu den Büchern von Roland Schulz: www.nature-press.de

Und hier noch ein netter Film über die Uckermark, ab Minute 32 geht es auch um den Grumsin: www.wdr.de

Über Roland Schulz

  • 1960 in Crailsheim geboren, Diplom-Forstwirt und Journalist
  • seit 1994 mit Marina verheiratet („Da hab ich Glück gehabt.“)
  • 2016: Ehm-Welk-Literaturpreis
  • 2017: Tourismus-Sonderpreis gemeinsam mit Partnern für eine Grumsinführung
  • bis 2017: Öffentlichkeitsarbeit für eine große Naturschutzstiftung in Potsdam
  • seit 2017: Freier Journalist und Autor, schreibt Bücher oder schreibt über Naturthemen für den Berliner Tagesspiegel, gibt wöchentlich Schreibkurse an einer Grundschule und geht so oft wie möglich in den Wald
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