Fabelhaft: Wildbienen helfen Kindern

Menschen | Autorin: Michaela Butz

Am Ende des Projekts spricht Pädagoge Hans-Georg Gehringer vom Besten, was ihm in seiner Berufslaufbahn begegnet ist. Nur noch wenige Tage trennen Gehringer zu diesem Zeitpunkt vom Ruhestand. Schwärmen lässt den Klassenlehrer ein Monitoring-Projekt der Crailsheimer „Stadtbiene“. Im Laufe des Projekts gehen Schülerinnen und Schüler an ihre Grenzen, lernen Beeindruckendes über Hummeln, Hornissen & Naturschutz und entwickeln ganz nebenbei Selbstvertrauen.

Lesedauer: rund 7 Minuten

So fing es an

Seit 2015 legt die Stadt Crailsheim systematisch artenreiche Blumenwiesen und Blühstreifen im Stadtgebiet an. Die Stadt reagiert damit als eine der ersten Kommunen Baden-Württembergs auf den Insektenschwund und schafft neue Lebensräume für Biene & Co. Auch in Wohngebieten wuchert es seither mehr als gewohnt. Um die Crailsheimer ins Boot zu holen und Akzeptanz für wilde Ecken auch unter der Rasenmäher-Fraktion zu schaffen, wird das „Projekt Stadtbiene“ von Anfang an durch Öffentlichkeitsarbeit begleitet.

Ein Ziel nebenbei: Kinder für Insekten begeistern

Wildbienen-Experte Rainer Prosi vom Crailsheimer NABU ist im Projekt Mann der ersten Stunde. Ehrenamtlich. Eine seiner selbstauferlegten Missionen: Kinder und Jugendliche für den Naturschutz begeistern. Pädagogische Zielsetzung und Forscherdrang lassen sich an einem Blühstreifen in der Kurt-Huber-Allee mitten im Wohngebiet Hirtenwiesen vereinen. Hier will Prosi zusammen mit Schülerinnen und Schüler untersuchen, ob sich auf den neu aufgegangenen heimischen Blumen und Kräutern wirklich Wildbienen finden lassen. Und um es vorwegzunehmen: Die Blühstreifen funktionieren. In den Keschern lassen sich bei den Begehungen sogar seltene Rote-Liste-Arten finden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nur die Käthe-Kollwitz-Schule greift an die Kescher

Bei der an Crailsheimer Schulen gerichteten Projektausschreibung hat das Stadtbienen-Team eher bildungshungrige Gymnasiasten und Realschüler im Sinn. Letztendlich meldet sich eine Klasse der Käthe-Kollwitz-Schule (KKS), einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt Lernen. Der Forschungsauftrag war wohl auch für die Schülerinnen und Schüler ungewöhnlich. „Schleimer“, war der laute Kommentar einer Schülerin, als Rainer Prosi die Fünftklässler bei einer der ersten Treffen als sein „Dreamteam“ bezeichnet. Diese befreiende Offenheit und gleichzeitige Verletzbarkeit lässt Rainer Prosi seine KKS-Forschertruppe schnell ins Herz schließen. Ab sofort widmet sich der Ruheständler seiner 5. Klasse mit der gleichen Inbrunst, mit der er sich auch den bedrohten Wildbienen zuwendet. Seine Augen strahlen, wenn er vom Projektverlauf berichtet.

Wow, das klappt ja wirklich

Langhorn-, Blattschneide- und Furchenbiene, Ackerhummel oder Veränderliche Hummel – Prosi bringt den Kindern nicht nur viel über Insekten, deren Lebensweise und über das wissenschaftliche Monitoring bei, er pocht auch darauf, dass eine öffentliche Präsentation der Ergebnisse im Rathaus stattfindet. Wochenlang arbeitet er mit den Schülerinnen und Schülern auf diesen Termin hin. Tränen fließen, einige wollen aufgeben. Im Dezember 2018 stehen sie dann aber alle am Mikro und erzählen dem Bürgermeister, der Schulleitung und dem weiteren Publikum von ihrem Projekt. Auf das Abschlussfoto, das in der Zeitung erscheint, dürfen sie nicht alle. Dass ihr Kind auf eine Förderschule geht, finden nicht alle Eltern erzählenswert.

Auch in der zweiten Runde brennt die Forscherbrust

Auch im Jahr drauf werden die Mädels und Jungs wieder zu Prosis Mitstreitern. Fast schon routiniert geht es beim Monitoring zur Sache. „Schaut auf die Thorax-Verfärbung“, fordert Prosi bei der Artenbestimmung und alle wissen, dass der Brustbereich gemeint ist. Keiner zeigt mehr Angst – trotz der Stiche, die nicht ausbleiben. Behutsam und sanft werden die Insekten nach der Bestimmung wieder frei gelassen. Es rührt die Seele, das Ganze zu beobachten.

Ein voller Erfolg

„Ich habe es bisher nie geschafft, Kinder so nah an die Natur heran zu führen“, erklärt Klassenlehrer Hans-Georg Gehringer am Ende des Projekts begeistert. Das Adjektiv „sensationell“ fällt. Wenn er mit der Klasse draußen unterwegs ist, suchen die Schülerinnen und Schüler heute ganz automatisch die Wegränder nach Wildbienen ab. Und auch ihn hat das Stadtbienen-Virus längst gepackt.
Für die 12- bis 13-Jährigen ist nach zwei Jahren das Projektende gekommen. Im Herbst wird ihre Klasse aufgeteilt. 2020 wird Rainer Prosi mit einer neuen 5. Klasse der KKS starten.

Drei Fragen an Wildbienen-Experte Rainer Prosi

Das könnt ihr auch in anderen Bereichen

Michaela Butz: Das Monitoring-Projekt mit der Käthe-Kollwitz-Schule wurde zu einem Herzensprojekt für Sie. Was ist in den zwei Jahren passiert?
Rainer Prosi: Sehr beeindruckt hat mich der unbedingte Einsatzwille aller, die Ziele des Projekts zu erreichen. Die SchülerInnen haben immer im Team gearbeitet. Mobbing, Streit oder Missgunst habe ich nie beobachtet. Das Ergebnis des Monitorings kann sich sehen lassen. Ein Biologe, der dort ein Monitoring durchführt, wird vielleicht im Detail ein besseres Ergebnis erzielen, aber bei den Hummeln haben die SchülerInnen bestimmt ein gleich gutes, wenn nicht sogar besseres Ergebnis erzielt. Die Auswertung steht noch aus. Erkennbar ist aber ein deutlicher Rückgang der Hummeln, was derzeit von einigen Biologen im ganzen Land bestätigt wird.

Michaela Butz: Was ist Ihr Fazit aus dem Projekt?
Rainer Prosi: Wichtig war, die Kinder alles selber machen zu lassen. Dann waren sie nicht zu bremsen. Die Bekanntgabe der Zwischenziele und Lob für gute Leistung waren Ansporn. Der Versuch, die Kinder näher an die Insekten heranzuführen und ihnen die Angst zu nehmen, hat voll funktioniert. In den Ferien sollten die Kinder Insekten fotografieren. Ich wollte, dass sie über ihre Smartphones den Weg in die Natur finden. Nicht alle hatten eines. Beeindruckt hat mich dann, dass manche die Hummeln einfach gezeichnet haben. Man muss mit Etiketten wirklich vorsichtig sein, offen bleiben und Kindern immer wieder eine Chance geben. Den Titel „Dreamteam“ hat sich die Klasse mehr als verdient.

Michaela Butz: Was geben Sie Ihrem „Dreamteam“ mit auf den Weg?
Rainer Prosi: Behaltet eure Motivation, auch wenn nicht sofort erkennbar ist, dass etwas Lohnendes dabei herauskommt, gebt immer alles. In Sachen Hummeln seid ihr nun Spezialisten. Das könnt ihr auch in anderen Bereichen werden.

Links

Mehr zum Thema „Stadtbiene“:
www.crailsheim.de/stadtbiene

Hier stellt der NABU Crailsheim seine Arbeit vor:
www.nabu-kreis-sha.de/crailsheim

Mehr zur Käthe-Kollwitz.Schule:
www.kks-cr.de

Ein Bericht der Stuttgarter Nachrichten über Rainer Prosi:
www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.naturschutz-in-baden-wuerttemberg-das-lautlose-sterben-der-wildbienen.1a0d7dee-3ddf-4bb8-a3ce-ac6d34bf0921.html

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