Seminar Schwellen-Zeiten: Wege aus der Krise

Menschen | Autorin: Michaela Butz

Corona, Klimawandel, Artensterben und ihre Auswirkungen schwingen in jedem von uns bewusst oder unbewusst mit. Ein Bekannter ist beispielsweise in Sorge, wenn er bei anhaltender Trockenheit durch seinen sterbenden Lieblingswald geht. Bei anderen brechen durch Corona kurz mal alle Einnahmen weg. Dazu kommen individuelle Krisen. Eine junge, selbstständig tätige Mutter wird plötzlich krank. Langjährige Beziehungen scheitern, berufliche Ziele lösen sich ins Nichts auf. Bei jungen Menschen beobachte ich, dass sie sich nicht entscheiden können, ob sie wirklich einsteigen wollen in diese Gesellschaft mit ihrem stetigen Höher und Weiter und zweifeln an sich und allem. Die Liste ließe sich ewig weiterführen.

Lesedauer: rund 10 Minuten

Krisen- und Trauerbewältigung: Auf der Suche nach Antworten

Was hilft in globalen und individuellen Krisen? Wie gehe ich mit meiner Angst konstruktiv um? Wann ist meine Angst begründet und wie wirken kollektive Ängste auf mich? Wie kann ich Trauer zulassen und wie führt meine Wut zu Lösungen? Was lässt mich gesund bleiben? Wie halte ich meine Ohnmacht aus? Wie kann ich anderen wirklich helfen? Und wie gelingt es mir, mich zugehörig zu fühlen?
Diese (und weitere) Fragen führen nun zu Corona-Zeiten dazu, dass ich anfange, an einem meiner Hohenloher Lieblingsorte Seminare zu organisieren. Seminare, die hoffentlich Antworten auf diese Fragen finden lassen.
Meine Vision? Ich hole Leute, die etwas zu sagen haben, nach Hohenlohe und ihre Vorträge, Seminare und Kurse stehen nicht nur Gutverdienenden offen. Ich wünsche mir Lösungen – individuelle, internationale, globale, kollektive, allgemein gültige, friedliche, praktische, spirituelle Lösungen. Die Gruppen können daher gar nicht unterschiedlich genug zusammengesetzt sein.

Seminare auf Schloss Kirchberg/Jagst

Den Auftakt macht ein Aufstellungsseminar mit meiner Freundin und langjährigen Supervisorin und Lehrerin Doris Feiler-Graziano. Das Seminar findet am 10. Oktober unter dem Arbeitstitel „Systemische Betrachtungen in Schwellen-Zeiten“ auf Schloss Kirchberg statt. Was Teilnehmende davon erwarten können, erfahrt ihr in einem Interview, das ich mit Doris geführt habe.

Fragen an System- und Familien-Aufstellerin Doris Feiler-Graziano

Ich verstehe mich als Brückenbauerin

Michaela Butz: Liebe Doris, Deine Aufstellungsarbeit kenne ich und schätze ich vor allem persönlich sehr. Aber was meinst Du mit „Schwellen-Zeiten?“
Doris Feiler-Graziano: Die Corona-Zeit bewegt mich persönlich sehr und gab den Anstoß für diesen Titel. Schwellen-Zeiten sind für mich Zeiten der unausweichlichen Veränderungen, Zeiten, in denen man festzustecken glaubt. Das sind zum einen Veränderungen, wie wir sie global und quer durch alle Länder erfahren müssen und mussten. Zum anderen denke ich aber auch an individuelle Prozesse. Viele von uns sind gezwungen, Altbewährtes in Frage zu stellen oder Gewohntes bricht weg. Das löst Ängste und Trauer aus – zunächst individuell, aber auch mit Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft.

Michaela Butz: Könnte man also sagen, es geht um Krisenbewältigung in dem Seminar?
Doris Feiler-Graziano: Ich würde nicht von Bewältigung sprechen. Im Grunde läuft durch Corona gerade der natürliche Lebensprozess, in dem wir uns alle unweigerlich befinden, im Zeitraffer ab. Der natürliche Lebensprozess beginnt mit der Zeugung und endet mit dem Tod. Dazwischen spielt sich das Leben ab. Durch die eigene Endlichkeit, durch den Tod eines geliebten Menschen, durch Krankheit, Altern, durch kollektive Krisen oder allgemein gesagt, wenn es an der einen oder anderen Stelle eng für uns wird, wenn wir uns also ohnmächtig fühlen, geraten wir in Krisen.
Krisen sind mitunter schwer auszuhalten. Sie gehen einher mit Wut, Trauer, Resignation. Im Seminar möchte ich zeigen, dass diese Krisen unweigerlich zum Leben dazugehören und kein individuelles Versagen sind. Denn Leben heißt Bewegung. Heraklits beschrieb diesen Prozess mit dem Flussbild und seinem „panta rhei – alles fließt“. Hermann Hesse drückt die gleiche Erkenntnis in seinem Gedicht „Stufen“ sehr schön aus (siehe unten). Das Seminar bietet den Teilnehmenden also die Chance, sich ihren individuellen Krisen zu stellen und sie in diesen unausweichlichen Prozess einordnen zu können. Wenn diese Krisen als „Schwellen“ in eine neue Lebensphase oder ein neues Bewusstsein begriffen und akzeptiert werden, zeichnen sich neue Lösungen ab und der Lebensfluss geht weiter. Die Arbeit in der Gruppe wirkt erfahrungsgemäß dabei sehr unterstützend. Durch die Gruppe geht es aber auch nicht nur um individuelle Krisen oder Trauer. Ich bin mir sicher, dass durch die Gruppe auch sehr universelle Prozesse und Lösungen sichtbar werden.

Michaela Butz: Das hört sich nach einer sehr offenen Arbeitsweise an…
Doris Feiler-Graziano: Ich wünsche mir, dass die Teilnehmenden das bekommen, was für sie als nächster Schritt in ihrem Lebensrad ansteht. Dass sie die Brücke zu Lösungen finden, die sie sich sehnlichst wünschen. Ich sehe mich als eine Brückenbauerin auf diesem Weg.

Michaela Butz: Wie kamst Du selbst zur Aufstellungsarbeit?
Doris Feiler-Graziano: Als Suchende. Meine Mutter und ihre ganze Familie stammen aus Hohenlohe. Mein Vater wurde in Ungarn in der Nähe der österreichischen Grenze geboren. Seine Familie kam bereits vor dem Krieg aus unterschiedlichen Regionen. Durch die Flucht waren dann endgültig alle verstreut. Nur ein Teil der Familie kam durch Zufall in Hohenlohe wieder zusammen. Lange habe auch ich mich nirgends zuhause fühlen können. Ich habe früh mein Elternhaus verlassen und mich unterschiedlichen Gruppen angeschlossen. Immer verbunden mit dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Als ich 30 Jahre alt war, wurde unsere Tochter geboren. Ein Jahr später haben wir geheiratet. Mein Mann nahm Erziehungsurlaub. Wir lebten drei Jahre auf engstem Raum im Ausland in unserem Bus. Immer auf der Suche nach guten Plätzen. Für unsere Tochter wurden wir in Hohenlohe sesshaft. Doch meine Suche hörte nicht auf. In einer schweren persönlichen Krise besuchte ich 1996 einem Kurs, der von Dr. Wilfried Nelles, meinem späteren Lehrer, geleitet wurde und lernte so die Aufstellungsarbeit kennen. Überwältigt und tief bewegt von dieser Methode war es für mich unausweichlich, selbst diese Arbeit zu erlernen und zu praktizieren.

Michaela Butz: Im Laufe der Jahre hast Du Deine eigene Methode entwickelt und nennst sie „systemische Betrachtungen“? Was unterscheidet Deine Arbeit von klassischen Familien- oder Systemaufstellungen?
Doris Feiler-Graziano: In den letzten Jahrzehnten bin ich vielen Menschen, Lehren und geistigen Helfern begegnet. Das Leben selbst, die lebensbedingten Prozesse verbunden mit vielen Seminaren, berufsbegleitenden Weiterbildungen, Gesprächen, Meditationen und das fortwährende Hineinspüren, um was es geht im Hier und Jetzt, haben in mir einen tiefgreifenden Prozess ausgelöst. So habe ich nach und nach eine eigene Haltung zur Aufstellungsarbeit entwickelt. Ich begleite meine Klienten offen mit einem erweiterten Blick. Ich kann so den Klienten und deren Emotionen und Sichtweisen im Kontext eines Größeren, Höheren sehen und so einen erweiterten Blick auf die betrachtete Situation gewinnen und vermitteln.

Michaela Butz: Auch ich habe die Aufstellungsarbeit als mächtiges Instrument erfahren dürfen. Dir ist daher die Qualität der Arbeit sehr wichtig. So engagierst Du Dich zum Beispiel im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen und beim Forum Werteorientierung in der Weiterbildung. Woran erkenne ich Qualität bei einer Aufstellungsarbeit?
Doris Feiler-Graziano: Wichtig ist m.E., dass der Aufsteller, die Aufstellerin den Ratsuchenden als das Gegenüber sieht, welches die Lösung und das Wissen in sich trägt. Der/die AufstellerIn ist dem Ratsuchenden neutral bei der Suche nach der Lösung behilflich. Die Arbeit darf nicht übergriffig sein und muss eng mit dem Klienten abgestimmt sein. Jeder Schritt bedarf seiner Zustimmung.

Das Seminar

Systemische Betrachtungen in Schwellen-Zeiten

10. Oktober 2020
10.00 bis 19.00 Uhr
Schloss Kirchberg/Jagst

Mehr dazu: hier

Über Doris Feiler-Graziano

Anerkannte System- und Familienaufstellerin durch die Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) seit 2007, eurasys-Diplom von Wilfried Nelles und Heinrich Breuer, seit 2014 Mitglied im Vorstand der DGfS, Weiterbildung in Hypnotherapie bei Heinrich Breuer, Weiterbildung in Gesichtsdiagnostik bei Marc Grewohl.
Weitere Infos: hier

Hermann Hesse: Stufen

„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Das ganze Gedicht finden Sie hier

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